MATTHIEU LIETAERT

Szenenbild* 1977 in Belgien, hat seinen PhD in Political and Social Sciences am renommierten European University Institute in Florenz gemacht, hat als Lektor für Globale Wirtschaft und Politik an der James Madison University in Florenz gelehrt, ist medialer Berater am European University Institute und hat für diesen Film mit „Not So Crazy! Productions“ seine eigene Produktionsfirma gegründet. Sein Kurzfilm „Global Europe“ war 2009 beim Los Angeles Short Film Festival und beim San Francisco Short Film Festival vertreten, mit „Voices of Cohousing. Rebuilding villages inside the city“ holte er sich 2007 Preise beim Ekotopfilm Festival in der Slowakei sowie in China.


Er entwickelt gerade neue Projekte, wie die Dokus „Wake up Europe!“ und „Paiké. Blogging China“ oder das Cross-media-Projekt „We Have a Dream“ (Road Movie + Online-Plattform). Sein 2011 erschienenes Buch „Webdocs – Survival Guide for Online Filmmakers“ avancierte in kürzester Zeit zum Standardwerk für neue Formen dokumentarischen Erzählens für das Web.Derzeit in Produktion ist das Online-Projekt „We R Democracy“, das er in Zusammenarbeit mit ARTE als interaktive Ergänzung zu „The Brussels Business“ entwickelt hat.

FRIEDRICH MOSER

Szenenbild* 1969 in Gmunden, Österreich, hat in Österreich und Spanien Geschichte studiert, Nach Abschluss des Studiums Wechsel nach Südtirol, Arbeit als TV-Journalist und Nachrichtenredakteur. 2001 gründet er die Produktionsfirma blue+green communication, seither über 20 Dokumentationen als Autor, Regisseur, Produzent und Kameramann mit Fernsehausstrahlungen in Österreich, Deutschland und Italien sowie Arbeiten für Museen und Forschungseinrichtungen.


2008 erfolgreiche Teilnahme am für den Documentary Campus, einer Europäischen Meisterklasse für Dokumentarfilm mit Fokus auf den internationalen Markt – „The Brussels Business“ ist sein erster Dokumentarfilm für diesen Markt, gleichzeitig sein erster Film fürs Kino. Daneben 2007 und 2008 Lehrtätigkeit an der Universität Wien / Department für Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie an der Oberschule für Werbegrafik in Brixen/Südtirol.

Bereits fertig entwickelt ist das Projekt „Die Herzog-Files“ über die abenteuerliche Geschichte eines jungen Wieners, der bei Kriegsende auf verschwundenes Nazi-Gold stößt. In Entwicklung befindet sich das Nachfolge-Kinoprojekt „#OP ANONYMOUS“, das die Freiheit im digitalen Zeitalter ins Visier nimmt und ihre Feinde – mitten unter uns.

INTERVIEW MOSER

Wie haben Sie Lobbying als Arbeitsthema für sich entdeckt? Wie sind Sie mit dem Thema in Berührung gekommen?

Im Jahr 2001, nachdem ich meinen ersten Film gemacht hatte. Ich hatte in Südtirol einen Wettbewerb des Amts für europäische Integration gewonnen, bin in ganz Europa herumgereist, habe in allen 15 damaligen EU-Ländern Interviews gemacht und auch Archivmaterial von den verschiedensten EU-Institutionen angefragt. Daraufhin kam eine E-Mail ins Haus geflattert mit einem Angebote für einen „Trainingskurs zum Kennenlernen der EU-Institutionen“ zum Vorzugsangebot von 1.750 € plus MWSt. – für eineinhalb Tage – und ich dachte mir, da ist was falsch: das ist eine unglaubliche Summe, ein Monatsgehalt. Entweder ist dies eine Abzocke oder die EU ist derart kompliziert, dass man so etwas wirklich braucht – und es auch so viel kosten kann. Seither wollte ich immer was darüber machen.

Ging es damals schon mit den Arbeiten am Film los?

Erst 2008. Im Jänner stieß ich im Zuge eines Ö1 Journal Panorama über Brüssel, in dem auch die Lobbying-Szene beschrieben wurde, auf den Namen Olivier Hoedeman. Als ich im Monat darauf einen Dokumentarfilm-Workshop in Brüssel machte, wollte ich ihn treffen, der Termin scheiterte allerdings. Dafür bin ich über eine Bekannte mit meinem Co-Autor und Co-Regisseur Matthieu Lietaert zusammen gekommen, der gerade einen Lobbying-Film entwickelte, aber einen Produzenten suchte. Er hat ALLE Kontakte mitgebracht, die man sich wünschen kann, weil das Fachgebiet seiner Studien und seiner Lehrtätigkeit an der Uni European Governance war. Er kannte Pascal Kerneis, Olivier Hoedeman, Erik Wesselius, Maria Green Cowles, Daniel Guéguen, der die Lobby-Schule betreibt, von der ich 2001 das Angebot gekriegt hatte …
Zuerst wollten wir von einem Fall erzählen, von einem Beispiel, an dem man die Macht des Lobbying aufzeigen kann. Wir wollten dies mit Biotreibstoff machen – der innerhalb von zwei Jahren von DER superökologischen, die Landwirtschaft fördernden Wunderwaffe ins genaue Gegenteil – etwas sehr Unökologisches, das nur Probleme am Nahrungsmittelmarkt schafft – verkehrt wurde. Hinter beiden Argumenten ist ganz gezieltes Lobbying gestanden. Nur haben Testinterviews Anfang 2009 gezeigt, dass das so nicht umsetzbar ist: Wir wurden derart mit technischen Details und Spitzfindigkeiten überhäuft, da war uns schnell klar, dass dies keiner hören wollte.
Während der Testinterviews hat Olivier aber von seinen Anfängen erzählt: Von den 90ern, als er eigentlich Umweltschützer war und ein Autobahnbauprojekt in Frankreich geplant war – hinter dem nicht die EU-Kommission steckte, sondern eine Lobby-Gruppe von Großindustriellen, wie er herausfand. Das haben wir uns in der Folge besser angeschaut – sind so auf den ERT gestoßen und ein Paper von Keith Richardson, das die Zusammenarbeit mit den EU-Institutionen und Regierungen ziemlich gut beschrieben hat – und wie der ERT funktioniert. Das las sich wie ein Drehbuch zu einem James Bond-Film: das Treffen der Bösewichter. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich an einer sehr coolen Story dran war.
Matt und ich wollten ja ein Lobby-Fallbeispiel in unserem Film darstellen. Ich tigerte mich in die ERT-Geschichte, recherchierte, machte Interviews, recherchierte weiter und bald war mir klar: Wenn wir vom größten Lobby-Erfolg erzählen wollten, den es in Brüssel je gegeben hat, dann wäre das die EU an sich! – Weil sie auf das Lobbying der ERT zurückgeht. Die EU an sich ist ein Lobby-Projekt gewesen der Großkonzerne, mit dem die so erfolgreich gewesen sind, dass sie die Art und Weise, wie die EU gestaltet wurde, sehr stark beeinflussen konnten. Und bis heute können. Das haben wir im letzten Kapitel auch sehr stark drinnen, über die Regulierung der Finanzmärkte …


Haben Sie mit fixem Drehbuch gearbeitet – oder hat sich erst vieles im Zuge des Drehs offenbart – und die Geschichte verändert?

Vieles geschah erst im Zuge des Drehs. Als feststand, dass die Geschichte vom ERT der Hauptstrang werden würde, hat sich vieles ergeben: Dass Olivier Hoedeman und Erik Wesselius die Hauptfiguren werden würden, weil sie alles aufgedeckt und versucht haben, es zu ändern. Ihre Geschichte – Entdeckung nach Entdeckung nach Entdeckung – war auch ein Weg, den Zuschauer in dieses komplexe Machtgeflecht einzuführen. Am meisten haben wir gejubelt, als uns Keith Richardson zugesagt hat, weil wir wussten, wenn er mitmacht, dann haben wir die Business-Seite auch dabei – und er kann aus erster Hand erzählen, wie’s gelaufen ist.

Wie haben Sie solche Leute – Lobbyist Pascal Kerneis, Ex-ERT-Generalsekretär Richardson – überhaupt dazu gebracht, beim Film mitzumachen?

Pascal sagte ich von Anfang an, dass ich ihn im Film haben wollte, weil es praktisch keine Filme gibt, in denen Wirtschaftsinteressen vertreten sind. Es gibt immer eine Vielzahl von Aktivistenfilmen, das wollten wir nicht machen. Wir wollten einen ausgewogenen Film machen, der beide Seiten beleuchtet. Und Pascal ärgert es sehr, dass Lobbying immer diesen negativen Beigeschmack hat. Für ihn ist es ein Beruf wie jeder andere. Er sieht nicht ein, warum er mit einem Stigma belastet ist, das fast so ist wie Prostitution: ganz unten, ein ganz dreckiger Job. Er wollte zeigen, wie’s wirklich läuft, drum ist er dabei. Besser konnte es für uns nicht sein. Natürlich hatten wir mit ihm den Deal, dass wir die Firmen, die er vertritt, nicht direkt angreifen im Film. Dann wäre er seinen Job los. Das wollten wir nicht. Wir wollen nur zeigen, wie diese Lobbyingwelt ausschaut, keine einzelnen Firmen attackieren. Das ist die Aufgabe von Journalisten.
Und zu jemandem wie Keith Richardson haben wir gesagt, dass wir mit der bisherigen europäischen Geschichtsschreibung – Kohl und Mitterand wurden Freunde und haben mit Hilfe von Jacques Delors die EU gegründet – aufräumen wollten. Wir wollen die tatsächliche Geschichte erzählen. Und er meinte: „Ja! Natürlich! Wir haben so viel dazu beigetragen, aber keiner will’s wissen“, also meinte ich: „Wir wollen’s wissen!“ – Natürlich hätten wir den Film auch nur mit Olivier Hoedeman erzählen können – aber mit Keith Richardson ist er viel, viel reichhaltiger und solider.
Und als Keith dabei war, hat auch Maria Green Cowles zugesagt. Sie ist die einzige unabhängige Politikwissenschaftlerin, die sich mit dem Einfluss des Big Business auf die Gründung der EU auseinandergesetzt hat. Vielleicht weil sie Amerikanerin ist und einen anderen Blick auf Europa hat. Und sie ist die einzige Person bis heute, die Zutritt zu den Archiven des ERT hatte und einen Blick auf die ganzen Dokumente haben konnte.

Ihre Haltung zu Lobbying – machen Sie einen Unterschied zwischen der Interessensvertretung durch NGOs und der Industrie? Gibt es „gutes“, gibt es „böses“ Lobbying?

Lobbying an sich ist wertneutral. Nebenbei: So etwas wie der Fall Strasser ist beispielsweise kein Lobbyingskandal, sondern der Skandal eines korrupten Politikers. Wir wollten ihn kurz in den Film geben, es hat dann aber nicht dazu gepasst. Wir haben auch das Originalmaterial eingekauft, das wird dann zumindest als Bonus auf der DVD vorhanden sein …
Ohne Lobbying geht’s nicht. Über Lobbying wird die Expertise gebracht, weil Interessen vertreten werden, vor allem auch Interessen von Minderheiten. Das Problem bei Lobbying ist nur, wenn es heimlich abläuft. Dann hat man sofort Schmiergeldzahlungen dabei, alles das, was Österreich gerade rund um die Telekom-Affäre und Hochegger sieht. Wenn Lobbying öffentlich ist und transparent, wenn jeder weiß, wer dort sitzt und für wen er dort sitzt, dann ist es OK. Es gehört dazu.
Nur: Die Europäische Kommission hat ein großes Problem: Sie sind für 500 Mio. Leute zuständig, für 80% der Politik, die in Europa gemacht wird, Regulierungen vom täglichen Bedarf – von Verkehr bis Nahrung. Die Beamten sind superausgebildet, mehrsprachig, nur: Sie sind zu wenig. Es sind weniger Beamte als in Wien, nur rund 20.000. Sie können aus sich heraus keine Expertenkreise bilden, um ihre politischen Entscheidungen zu treffen – da kommen die Lobbyisten ins Spiel, die’s anscheinend gratis liefern – aber eben nicht objektiv sind. Zum Vergleich: In Österreich hat man auch sehr starke Lobby-Gruppen, das sind die Sozialpartner – die Gewerkschaften, die Bauern, die Industrie, die beeinflussen auch in Österreich sehr stark. Aber es gibt ein Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht fehlt in Brüssel.
Die Entscheidungen kommen auf so komplexe Art zustande, dass man die Schuld sicher nicht auf die Beamtenschaft schieben kann.
Wo ich Bauchweh krieg beim Lobbying, ist, dass der Bürger nicht mitreden kann. Die EU werden wir brauchen, ohne sie wäre Österreich wie ein Staubkorn im Universum, das wäre die Zerstörung der österreichischen Wirtschaft. Das haben wir gesehen, als wir mit Pascal filmen waren, in Washington, in Genf bei der WTO – die globalisierte Welt, in der wir leben, funktioniert in großen Blöcken: hier Amerika, da China, dazwischen die EU, Russland und Indien und ab und zu noch Länder wie Brasilien. Von Frankreich, Deutschland, Italien spricht da keiner mehr, geschweige denn Österreich. Die EU ist die größte Volkswirtschaft der Welt, sie gibt in weiten Teilen die Standards vor. Nicht raus aus der EU muss die Devise sein, sondern rein in die EU. Mitmischen.

Wie kriegt man ein größeres Gleichgewicht zustande?

Der österreichische Bürger hat keinen direkten Zugang. Wir wählen irgendwelche Leute, die dort im Parlament sitzen, wir haben aber keine Kontrolle, wissen nicht, was die tun. Wir haben keine TV-Übertragung, wissen nicht, welche Debatten dort laufen. Es gibt keine gesamteuropäische Medienlandschaft. Es gibt Korrespondenten in Brüssel, aber die sind total isoliert.
Wir müssen uns als Bürger viel mehr engagieren. Der Film ist eigentlich Schritt 1 von einem größeren Projekt. Mit dem Film wollen wir einführen in diese Welt. Es ist nicht ein Aktivistenfilm, der von „den bösen Konzernen“ spricht. Das ist es nicht. Die Zahnräder greifen ineinander, alles spielt zusammen.
Schritt 2 – auf den Film folgend – ist ein Online-Projekt, das wir gemeinsam mit dem Fernsehsender ARTE machen, „We R Democracy“, wo wir einen direkten Zugang schaffen: zu den Parlamentariern, zu der Kommission, zu den Lobbyisten – und wo der einzelne Bürger online mitmachen kann bei den großen Debatten. Um die Arbeit transparenter zu machen. Die Black Box Brüssel muss geöffnet werden. Das wird im Herbst starten.
Was wir hoffen, ist, dass der Film in die Schulen kommt, zu einer Basis wird zu einer Debatte über die EU: Was kann der einzelne Bürger tun? Die Lösungen, die in Österreich vorgeschlagen werden von den EU-Gegnern, die sind zu einfach. Das wird nicht funktionieren. Das würde Österreich schädigen. Österreich ist nicht die Schweiz, wir haben keine Weltkonzerne wie Nestlé, UBS, Syngenta oder Swatch. Unsere Wirtschaft ist kleinteiliger und sehr vernetzt, mit Deutschland und mit Osteuropa.
Ich bin überzeugter Europäer, spreche vier Sprachen, habe in mehreren Ländern Europas gelebt, das letzte, was ich will, ist auf Europa loszudreschen. Es gibt die Situation, die wir portraitieren, die ist eben so, das ist keine Erfindung von uns, und es gibt einen Missstand, aber den kann man beheben: daran muss man arbeiten. Es wird kein Mensch sagen: Die Regierung bringt nix weiter, schaffen wir sie ab – sondern wählen wir eine neue. Und genau so muss es mit der EU sein – man muss sich einbringen.

Wie haben Sie Brüssel erlebt? Wie undurchsichtig ist es? Kommt man rasch drauf, wie die EU-Blase funktioniert, wie bewegt man sich da?

Brüssel ist ein Labyrinth, deswegen verstehe ich auch, warum diese Kurse so viel kosten. Alle sind sehr offen und sehr hilfsbereit, wir haben alles bekommen, was wir wollten, es ist nur nicht so leicht, die Übersicht zu gewinnen, wer für was zuständig ist. Aber da hatte ich Matthieu Lietaert und Pascal Kerneis.
Rund um die Kommission gehen ALLE essen. Die Bars sind alle etwas überteuert und qualitativ nicht sonderlich toll, aber da trifft sich Gott und die Welt. Die ganzen Sprachen zu hören – mich hat das wahnsinnig gereizt.
Brüssel ist teils sehr mondän, teils heruntergekommen wie ein Slum, teils wie ein Dorf, das ist ein schräges Konglomerat – und dann gibt es die Europablase darin. Ins Auge gestochen ist mir, dass man in den EU-Institutionen keine dicken Menschen sieht, alle sind schlank, alle konform, das ist richtig beängstigend! Und absurd. Aber das wäre dann schon wieder Stoff für einen anderen Film …